Geschichten rund um den Maibaum


Auch die Eichenthaler haben den 1. Mai gefeiert,
und zwar besonders damals, als dieser noch kein
sozialistischer "Tag der Arbeit" war, damals
in den 1940er Jahren, als meine Mutter noch
ein ganz junges und hübsches Mädchen war.

Am Vortag zum 1. Mai hat man in Eichenthal einen
schönen Brauch gefeiert: das
Maibaumstecken.

Ihr kennt doch die Akazienbäume oder - wie sie korrekt
 heißen - die Robinien - mit ihren 
unverkennbaren vielen
kleinen Blättern und ihren schönen weißen und wohl-
duftenden traubenartig herabhängenden Blüten
vom Mai bis Juni ? 

  


Und so sah der blühende Baum im Mai - Juni,
je nach Wetterlage, aus. Schön, nicht wahr?

  

Nun, davon wuchsen ganz viele in Eichenthal, und sie
säumten die Straßen, Gassen, aber auch die Fluren,
Wiesen und die kleinen Wälder nahe Eichenthal.
 


 

Und sie vermehrten sich ganz schnell und eigneten
sich damals ausgezeichnet fürs Maubaumstecken.


Und daran erinnert sich meine fast 87-jährige Mutter
heute noch immer sehr genau. Sie war damals ein
junges Mädchen, so um die 15 - 16 Jahre jung:

Schon einen Tag vor dem 1. Mai schnitten die Eichenthaler
Handwerksburschen paar kleine Akazienbäumchen 
 oder etwas stärkere Akazienäste ab und steckten diese,
geschmückt mit farbigen Bändern, vor dem Haus ihres
Handwerksmeisters in den Boden. Dies geschah aus
Dank für die gute Ausbildung, die der Meister seinen
Gesellen gegeben hatte.

So standen "Maibäumchen" vor dem Haus
  vom Meissner Vedder Toni (Wagnermeister),
vom Meissner Vedder Pheder (Schmiedemeister),
vom Jerhoff Vedder Matz (Schmiedemeister)
und bei vielen anderen auch.

 Und für die große Ehre, die dem Meister auf diese
Weise gezeigt wurde, spendierte die Hausfrau
den Buben ein Glas Wein und Kuchen.
 Erst e
ine Woche später wurden diese Mai-
bäumchen wieder weggeräumt und entsorgt.

Am Spätnachmittag wurde dann im Kulturheim bis 
spät am Abend flott 
in den Mai hinein getanzt.

Doch der Maifeiertag wurde oft auch auf eine andere
Art und Weise, zwar lustig, aber doch weniger erfreulich
gefeiert. Da gab's Schabernack und Hänseleien, die oft
in Unfug ausarteten, was besonders die älteren Landsleute
ärgerte, die eine hübsche Tochter im schönsten
"Heiratsalter" hatten, die aber noch niemandem fest 
versprochen war, sondern der nur der Hof gemacht wurde.

Meine Mutter, die damals junge Gredl, erinnert sich auch
heute noch an paar Streiche in einer solchen 1. Mainacht:

Da gab's einen jungen Eichenthaler,  der ihr "hofierte",
was natürlich auch die anderen Burschen im Dorf wussten.
Nun, die Burschen hoben klammheimlich und in aller Stille
einen Fensterladen an ihrem Elternhaus aus und ver-
steckten diesen im Hause ihres heimlichen Anbeters.
Na, das gab dann ein Donnerwetter in Gredls Elternhaus!
 Doch dem Vater blieb nichts anderes übrig, als das gute
Stück zu suchen, nach Hause zu bringen und an seinem
alten Platz am Fenster zu befestigen. 

Gredl freute sich diebisch, dass dies alles ein gutes Ende
nahm und dass sie deswegen ihren Freund nicht verlor. 
Der 2. Weltkrieg trennte die beiden jedoch bald fürs
ganze Leben. Sie wurden beide für viele Jahre
nach Russland zur Zwangsarbeit deportiert, gingen
danach im Leben auch getrennte Wege und gründeten 
ihre eigenen Familien. Und dennoch sind sie heute
 immer noch im freundschaftlichen Kontakt
zueinander geblieben. 


Und nun wieder zurück zum 1.-Mai-Geschehen der
40er Jahre in Eichenthal...

Auch bei Mutters Freundin und Kusine, dem Fischer Rosl,
schlugen die gutgelaunten Dorfburschen mal tüchtig zu:
In der Dunkelheit des Abends stibitzten sie die ganze
frisch gewaschene Wäsche vom Vortag, die so schön am
Dachboden oder im "Schopp" (Schuppen) zum Trocknen hing,
drehten und formten diese zu einer großen Puppe und
hängten sie - zum größten Ärger der Familie - auf einen
hohen Baum vor dem Haus der Fischers.
Wer diese "Puppe" wohl von dort wieder runter geholt
hat, das weiß meine Mutter heute nicht mehr.

Bei anderen Dorfnachbarn wurde sogar die Hoftür aus-
gehoben und bei einem anderen Nachbarn versteckt,
bis diese wieder gefunden und zurück gebracht
werden konnte. Das war dann nicht mehr sooo lustig,
denn der Bauer konnte ja seine Haustiere nicht aus
dem Stall in den Hof lassen, da sie ja ungehindert in
die weite Welt hätten raus spazieren können.   

Es war trotz allem doch immer schön abwechslungsreich
und auch nie langweilig in Eichenthal, 
wenn der 1. Mai
mal da war!

Und so richtig böse wurde niemand wegen der Maispäße,
denn die Eichenthaler verstanden sehr wohl, dass es
dabei ja immer nur um Spaß und Scherz ging.
Und die verstand jeder Eichenthaler!

 

Feiert auch Ihr schön und bleibt gesund!
Das wünscht Euch allen,

Annala 

​heute, am 1. Mai 2014


 

 

 

 

 

 

 

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