Der Exodus der Eichenthaler.
Was hat Lugosch damit zu tun?

 

Mein kleines Geburtsdorf Eichenthal, das erst 1894
von deutschen Siedlern gegründet wurde, verschwand
in den 1970er Jahren gänzlich als banatschwäbisches
Dorf und besteht seither nur noch als ein rein
ruthenisch-ukrainisch bewohntes Dorf fort,
mit dem Namen Salbagelu-Nou.

 

Der Exodus meiner schwäbischen Landsleute aus
Eichenthal begann schleichend; und schon kurz nach
dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm dieser
dann spürbar zu, um verstärkt ab den 1960ern bis
Ende der 1970er Jahre zum totalen Abwandern
der Banater Schwaben aus Eichenthal und zum
Verschwinden des Dorfes zu führen.

 

Nun fragt sich der eine oder der andere hier
bestimmt, was es mit dem „Verschwinden“ von
Eichenthal auf sich hat bzw. welche Verbindung
es denn zwischen meinen Landsleuten und
den Lugoschern gibt.

 

Was hat denn der Exodus der Eichenthaler mit der
nahe liegenden Stadt Lugosch zu tun? Die beiden
Banater Orte liegen geografisch eng beieinander
und teilten mit der Zeit ein ähnliches Schicksal:
die Auswanderung ihrer deutschen Bevölkerung
bis zum Ende der kommunistischen Ära in Rumänien.

 

Darauf kann ich hier nur mit einem historischen
Exkurs antworten, der gleichzeitig den Exodus der
Eichenthaler sowie deren kurzzeitigen existentiellen
Fortbestand in anderen Banater Orten, wie Temeswar,
Reschitz, Karansebesch, Jahrmarkt, Darowa, Bakowa,
Wetschehausen und Lugosch zu erklären vermag.

 

Nun, ich selbst bin eine Banater Schwäbin und wurde
1952 in Eichenthal (Gyulatelep) geboren, das ungefähr
20 km südostlich von Lugosch entfernt liegt.

 

1960 zog meine Familie nach Reschitz – ich war
gerade mal sieben Jahre alt und in der ersten Klasse.
Und nur zwölf Jahre später – nach dem Abitur - zog
es mich zum Studieren nach Temeswar, wo ich weitere
achtzehn Jahre lebte und arbeitete, also meinen festen
Lebensmittelpunkt fand, bis wir aus politischen Gründen
den Entschluss fassten, zu meinen Angehörigen nach
Deutschland auszuwandern.

 

Als Kind konnte ich es damals gar nicht verstehen,
dass wir unser großes Haus und unseren Hof, unser
Vieh und alle unsere lieben Haustiere, unsere Freunde
und Nachbarn, ja, unser geliebtes Dorf Eichenthal
verlassen mussten.

 

Erst später, als nach und nach, innerhalb von zehn bis
zwölf Jahren, fast alle Schwaben und Böhmen unser
Dorf verlassen hatten, versuchte ich meine quälenden
Fragen diesbezüglich zu beantworten und die Ursachen
des Eichenthaler Exodus zu verstehen. Es wurde mir
natürlich schnell klar, dass es am fortschreitenden und
immer stärker werdenden Druck des kommunistischen
Regimes lag. Und dieser Druck traf unser kleines
400-Seelendorf, das 1975 erst seit knapp 80 Jahren
bestand, besonders hart.

 

Eichenthal wurde nämlich erst 1894 als sogenanntes
Binnendorf gegründet und kann somit auf keine allzu
lange Vergangenheit zurückblicken. So siedelten hier
ganz viele schwäbische Familien aus Ortschaften aus
dem serbischen Banat an (Lazarfeld, Setschan, Kleck,
Ernsthauen, Franzfeld u.a.), viele kamen aus um-
liegenden Banater Dörfern (Großjetscha, Tschene,
Sackelhausen, Nitzkydorf, Bakowa, Wetschehausen,
Rekasch, Josefsdorf, Ebendorf und Hatzfeld), aber
auch aus deutschböhmischen Dörfern des Banater
Berglands (Wolfsberg, Weidenthal, Slatina, Sadowa
und Lindenfeld). Und alle schweißten sich irgendwann
zu dem kleinen aber sehr toleranten, friedliebenden,
gern feiernden schwowischen Eichenthal zusammen.

 

Viele Eichenthaler, so wie meine Eltern und Großeltern,
wurden während der vorangegangenen Jahre dank
ihres enormen Fleißes zu Großbauern („chiaburen“).
Durch die Bodenreform 1945 wurden sie alle gnadenlos
enteignet. Boden, Vieh, landwirtschaftliche Maschinen
und sonstiges ehemaliges Eigentum wurden uns einfach
vom Staat weggenommen. Ein Großteil der Familien war
sowieso durch Krieg, Internierungen und Russland-
verschleppung dezimiert und kaum noch imstande,
sich der grausamen Enteignungspolitik zu entziehen
oder gar sich zu widersetzen.

 

Der sowieso sehr karge und lehmige Boden rings um
Eichenthal, der nun Eigentum der LPG war, konnte
nicht mehr mit natürlichem Stallmist gedüngt werden
​- hatte man doch sowohl Pferde und Boden enteignet -
und war somit nicht mehr ertragreich wie zur Zeit des
privaten Besitzes. So sanken nicht nur die Erträge
sondern auch die Einnahmen der Kollektivbauern.

 

Hinzu kam noch, dass es in Eichenthal, in einem rein
deutschen (schwowischen) Dorf, nur eine einzige
deutsche Grundschule mit einem einzigen Lehrer
für alle vier Grundschulklassen und entsprechend
auch nur mit Simultanunterricht gab. Ab der 5. Klasse
mussten die Schulkinder somit entweder im Internat
von Ebendorf leben, um dort im Dorf eine fortführende
deutsche Schule besuchen zu können, oder bei Regen
Schnee und gleißender Sonne sechs Kilometer weit ins
nächstgelegene Sacu radeln, um dort eine rumänische
Schulbildung zu erhalten. Und das widerstrebte vielen
Eichenthaler Eltern, ​und ganz besonders meinem Vater,
der seinen drei kleinen Kindern sowas nicht zumuten wollte.

 

Hinzu kam auch noch, dass langsam-langsam
ruthenisch-ukrainische Kolonisten ins Dorf strebten
und sich dort mit ihren kinderreichen Familien
niederzulassen begannen.

 

Es gab also für die rechtschaffenen Eichenthaler
Schwaben genügend zwingende Gründe, anderswo eine
geeignete Bleibe und einen sicheren Arbeitsplatz zu
finden, um ihre Familie über Wasser halten zu können.
Mein Vater war einer der ersten, der bereits 1959
in Reschitz einen Arbeitsplatz für sich und ein Haus
für seine Familie fand, so dass wir bereits 1960 das
Dorf verlassen durften. Vorher mussten hierzu aber
auch die ​"Obersten" des Dorfes, also der Bürgermeister,
der "Brigadier" und der Dorflehrer, sowie die gesamte 
versammelte Dorfgemeinschaft - per Votum und
Handheben - ihr Einverständnis dazu geben.
​Ja, so schlimm war das damals, in 1959 / 1960!

 

Bald folgten weitere Eichenthaler unserem Beispiel
und verließen traurigen Herzens das einst so geliebte
Dorf. Ganz viele Familien zogen in umliegende banat-
schwäbische Dörfer, nach Jahrmarkt, Gisela, Bakowa,
Wetschehausen, (die Kaupas, die Maleks, die Kruses),
oder nach Temeswar (die Schneiders, die Pfeiffers, die
Wosneks, die Raicius, die Pfaffels, die Schwarzs, die
Meissners), nach Reschitz (meine Familie, die Kruses,
die Köstners, ​die Zimmermanns) und ganz viele nach
Lugosch, so wie die Bohmanns, die Welschs, die
Köstners, die Petris, die Bittos u.v.m..

 

Als sich unsere Eichenthaler in Rumänien schließlich
all ihrer Chancen auf eine richtige Heimat, auf Freiheit,
Sicherheit und Gleichberechtigung beraubt sahen,
kehrten sie dem Land endgültig den Rücken und kamen
nach Deutschland, ins Land ihrer Vorfahren, zurück.
Viele wanderten auch in die USA aus. Und so leben wir
Eichenthaler seither ​in der ganzen Welt zerstreut.

 

Und in der neuen Heimat mussten die Eichenthaler
​erneut die Ärmel hochkrempeln, kräftig in die Hände
spucken, um für sich und ihre Nachkommen eine neue,
sichere und lebenswerte Lebensgrundlage aufzubauen.

 

 Bis gegen Ende der 1970er Jahre hatte auch der letzte
Eichenthaler Schwabe und Böhme das Dorf im Banat verlassen.
Zurückgeblieben in einem vereinsamten und verlassenen
Friedhof in Eichenthal sind nur unsere Verstorbenen.

 

Der Kontakt zwischen den Eichenthaler Familien
blieb nichtsdestotrotz weiterhin stark bestehen;
und das blieb so auch nach dem endgültigen Exodus
aller Eichenthaler nach Deutschland oder über den
Ozean. Hier in Deutschland traf man sich gerne und
regelmäßig, alle zwei Jahre - allerdings nur bis zuletzt
im September 2010 - in Bäumenheim bei den Heimat-
treffen der Eichenthaler und ganz sicher auch bei den
Treffen der jetzigen Banater Heimatortsgemeinschaften
(HOGs).

 

So verriet mir unlängst Franz Petri, ein Eichenthaler
UND Lugoscher, dass er gemeinsam mit seiner Familie
hier in der BRD bei JEDEM Heimattreffen, also nicht
nur der Eichenthaler, sondern auch der Lugoscher, mit
großer Freude und Begeisterung teilgenommen hat.
Und er war nicht der einzige Eichenthaler, der das
ein Leben lang so gehandhabt hat. Man fühlt sich eben
sowohl als Eichenthaler, aber auch als Landsmann der
Ortschaft, die dir ein gutes Gefühl der Zugehörigkeit
 geboten hat. Und so ein Gefühl gewährten die Lugoscher
„seinen“ Eichenthalern ganz bestimmt.

 

Auch die Familien Bohmann, Köstner und Bitto waren
in Lugosch richtig heimisch geworden. Und jetzt, da 
die HOG Eichenthal seit 2011 aufgehört hat zu „leben“,
ist es nicht zu verdenken, dass die Lugoscher und wir
Eichenthaler - als ehemals immer schon enge schwowische
Nachbarn – auch weiterhin zusammen in Kontakt bleiben
und gemeinsam feiern wollen. Oder? Wie seht Ihr das?

 

Ich glaube, dieser „kurze“ Exkurs in die Geschichte der
Eichenthaler zeigt auf, wie eng verflochten unsere
banatschwäbische Eichenthaler mit der Lugoscher
Existenz war und immer noch ist.

 


Liebe Lugoscher, ich freue mich auf ein Wiedersehen mit
Euch, denn unsere gemeinsamen Erinnerungen schweißen
uns sicherlich auch weiterhin ganz eng zusammen, gell?

​Es grüßt Euch ganz herzlich
Annala,
eine Eichenthalerin, die sich auf weitere
Heimattreffen mit Euch Lugoschern freut!

​heute, am 09.05.2017

 

 

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