Meine Erinnerungen an Lugosch

 

Jeder Banater Schwabe kennt doch Lugosch.
Oder sollte es zumindest kennen. Auch ich meinte immer,
Lugosch recht gut zu kennen, obwohl ich dort nie
so richtig gewesen bin.

Nun, ich selbst bin eine Banater Schwäbin und wurde
1952 in dem kleinen banatschwäbischen Dorf Eichenthal
(Gyulatelep) geboren, das so ungefähr 20 km südostlich
von der Stadt Lugosch entfernt liegt.

Früher, als ich noch mitten auf der Hauptgasse im Staub des
winzig kleinen Eichenthals spielte, da war Lugosch für mich die
größte Stadt, irgendwo ganz weit weg, dort, wohin man nur
mit Vaters Pferdewagen über viele größere Dörfer als
Gyulatelep kommen konnte. Ganz zu schweigen von dem
Abenteuer, wenn es mal mit dem Zug und ihrer großen
fauchenden Lokomotive nach Lugosch ging.

Mit dem Pferdewagen fuhren meine Eltern auf einem holprigen
staubigen Feldweg raus aus Eichenthal und Richtung Silwasch
(Salbagel), dann irgendwann über den kleinen Fluss Jdioara,
in dem wir und die Pferde manchmal im Sommer baden durften,
und danach endlich raus auf die breite und asphaltierte Straße
bei Gavoschdia, Richtung Lugoschel bis nach Lugosch
zum Stadtmarkt. Und was ich damals schon sehr sonderbar
fand, waren die vielen eckigen Kopfsteinpflastersteine,
mit denen die ganze Stadt ausgelegt zu sein schien.
Das fand ich damals ganz witzig, da sich das Traben
der Pferde darauf ganz schön laut anhörte.

Zu Fuß konnte man eigentlich nur ins Nachbardorf
Tschukosch (Ebendorf - Stiuca) laufen oder nach
Sakul (Sacu) radeln, denn da waren dann immerhin
schon 5 oder gar 10 Kilometer zu bewältigen.

Für mein damals kindliches Verständnis war Lugosch nicht
nur die größte, sondern auch die herrlichste Stadt der Welt.
Meine Eltern brachten von dort immer so schöne Sachen mit,
wie Karamell- und Seidenbonbons, Kekse, Eugenia, Citro-Saft,
Kleiderstoffe, Christbaumkugeln, Salonzuckerl, Töpfe, Bier,
Parizer-Salami, frischen oder geräucherten Fisch und sogar
Ferkel. Ja, lebendige quirlige Ferkel, die bei uns zu Hause
bis zum Winter dick und groß wurden und Wurst, Speck,
Grieben, Schmalz und Schinken lieferten.

Damals freuten wir Geschwister uns über all das,
und es war für uns ganz selbstverständlich, dass es in
Lugosch noch Schöneres gab, als in unserem Dorfladen,
der „Cooperativa“, wo es eigentlich auch fast immer
alles gab, was man für den Haushalt so benötigte.

Lugosch war eben was ganz Besonderes und Unerreichbares,
das ich als Kind nur ganz selten zu Gesicht bekommen konnte.
Denn für ihre Marktgeschäfte mussten unsere Eltern in aller
Herrgottsfrüh losfahren, da lagen wir Kinder noch in den Federn.

Viel später erfuhr ich von meiner Mutter, was es mit den
Stadtbesuchen in Lugosch auf sich hatte, da man doch
ab und zu auch in das kleinere und etwas näher zu
Eichenthal liegende Karansebesch hätte fahren können,
wo zudem auch nahe Verwandtschaft lebte.

In beiden Städten gab es natürlich je einen großen
Markt und recht viele Kaufläden, doch zum Einkaufen
ging’s natürlich nur nach Lugosch.
Zum Verkauf von unserem Mehl, unseren Eiern und
Hühnern und den überschüssigen Produkten aus dem
großen Obst- und Gemüsegarten ging’s dann mit dem
Pferdewagen oder per Bahn und mit dem Henkelkorb
am Arm wiederum nur nach Karansebesch. Warum das?
Nun, in Lugosch kaufte man damals billiger ein und
in Karansebesch kriegte man mehr Geld für seine Ware.
Logisch, gell?

Als meine Familie 1960 nach Reschitz zog – ich war
gerade mal sieben Jahre alt und in der ersten Klasse
– da änderte sich langsam mein „Weltbild“ über die
„größte Stadt der Welt“, Lugosch, denn Reschitz
war ja in der Tat größer und auch gebirgig.

Und als ich zwölf Jahre später zum Studieren nach
Temeswar zog und weitere achtzehn Jahre lang
dort lebte und arbeitete, änderte sich erneut mein
Größenverständnis bezüglich meiner Umwelt. Nun war
natürlich Temeswar größer, schöner und wichtiger als
Lugosch oder Reschitz oder als das winzige Eichenthal,
das in den 1970er Jahren gänzlich als banatschwäbisches
Dorf verschwand und seither nur noch als ein rein
ruthenisch-ukrainisch bewohntes Dorf fortbesteht,
mit dem rumänischen Namen Salbagelu-Nou.

Das Leben ging natürlich weiter. Mein Mann und ich
flüchteten noch vor dem Mauerfall nach Augsburg
und fühlen uns seitdem  hier wohl und zuhause.
Und wisst ihr was? Eichenthal, mein Geburtsdorf, da wo
nur noch unsere banatschwäbischen und böhmischen Ahnen
im Friedhof liegen, wurde mit der Zeit in meinen Erinnerungen
ganz groß und Reschitz und Temeswar immer kleiner.

Und Lugosch?
Ach ja, das hätte ich inzwischen fast vergessen,
wenn es da nicht zu einem Zwischenfall gekommen wäre,
der mich wieder mitten in diese Kopfsteinpflasterstadt
und ins damalige Banat zurück versetzte.

Es war 1991, also recht kurz nach dem Mauerfall, als
wir es zum ersten Mal wagten, auf einen Besuch nach
Rumänien, nach Temeswar und Reschitz aufzubrechen.
Natürlich wusste auch unser Augsburger Freundes-
und Bekanntenkreis darüber Bescheid, und sie gaben
uns die besten Ratschläge mit auf den Weg.
So warnten sie uns vor der Fahrt durch Budapest,
dass man sich bei der Einfahrt unbedingt ganz links
halten müsste, um nicht die Petöfi-hid (Brücke)
zu verpassen und im schlimmen Verkehrschaos der
ungarischen Hauptstadt zu landen. Damals gab es
nämlich noch nicht die Umgehungsstraße vor Budapest.

 

Und so meinte Lenuta, eine Bekannte aus der Lugoscher
Gegend, die kurz zuvor auch in ihrer alten Heimat zu Besuch
war - allerdings mit einem Reisebus - ganz fest und eindringlich:

Auf der Autobahn ab Augsburg und bis Nadlac an der
rumänischen Grenze, kann man sich sehr leicht verfahren,
aber in Rumänien, da geht’s immer nur gerade aus!
Da kann man sich überhaupt nicht mehr verfahren!“

(Lenutas Worte hören sich im Banater Original so an:
Pe Autobahn te mai poti pierde, dar in Romania,
numa'naince ca nu te mai perzi
“).

So fuhren wir endlich los, gewappnet, gerüstet und 
vollbepackt ab Augsburg Richtung Grenzübergang Nadlac.

Numai inainte! Banat, wir kommen!

Und es ging alles glatt, auf den Autobahnen in Deutschland,
Österreich und Ungarn, über die Petöfi Brücke in Budapest,
auch im Straßenwirrwarr über die Verkehrsinsel beim
Notariat in Temeswar, dem berühmten „sens giratoriu“,
bis … nun ja, bis wir nach Lugosch kamen.

Da ging’s auf einer asphaltierten Straße in die Stadt hinein,
dann über die Temesch, dann nach links und nach rechts
und wieder weiter auf einer langen Asphaltstraße, bis
wir plötzlich und unerwartet in einer recht breiten
Sackgasse landeten! Wir hatten uns verfahren -
- upps, Lenuta!
(„numa'nainte, in Romania nu te pierzi“) -
und mussten umkehren. Was war geschehen?
Weiter vorne sollte man auf der asphaltierten Straße
nicht weiter geradeaus fahren, erklärte uns ein freundlicher
Lugoscher, sondern von der geteerten Straße auf die
mit Kopfpflastersteinen belegte Hauptstraße abbiegen.

Nun, wer, wie wir beide, den Führerschein hier in Deutschland
und nicht in Rumänien „gemacht“ hat, konnte ja nicht im
Entferntesten ahnen, dass es im rumänischen Straßenverkehr
keine Vorwegweiser gibt und dass man sofort abbiegen muss,
sobald irgendwo ein Verkehrsschild an der Straßenecke steht,
an einem Baum befestigt ist oder an einer Hauswand hängt.
Und das war damals absolut verwirrend für uns.

Also nix in Romania numa 'nainte ca nu te pierzi“, liebe Lenuta!
Denn wir verfuhren uns dann auch in Arad bei der Rückfahrt
und ein Jahr später nochmals in Lugosch.
Hier in Deutschland ist uns sowas kaum passiert,
und auf der Autobahn schon gar nicht.

Liebe Lugoscher, könnt IHR euch noch an Eure Stadt und
ganz besonders an ihre Kopfsteinpflastersteine erinnern?
Ich werde sie auf jeden Fall nie vergessen und sie
bestimmt vermissen, auch wenn sie irgendwann
dort nicht mehr liegen werden.

Und noch etwas!
Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Euch,
denn solche Erinnerungen an Lugosch schweißen
uns doch auch weiterhin ganz eng zusammen.

​Besonders liebe Grüße an alle Lugoscher,
​heute am 8. Mai 2017,
von mir,

Annala aus Eichenthal

 

 

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