"un zum Stickl"
(ein Kerweihbrauch aus Eichenthal)

 

Über Kerweih in meinem banatschwäbischen Geburtsdörflein
habe ich Euch schon ganz viel erzählt. Hier will ich Euch
anhand eines Kerweihspruchs nun mit unserer
schwowischen Mundart besser bekannt machen, da 
sie nicht ganz so einfach, aber vor allem für jeden
Schwabe auch sehr leicht verständlich ist. Für mich
​ist es die schönste schwowische Sprache überhaupt!

 

​Den Kerweispruch habe ich aus dem Eichenthaler
"Heimatbuch" (Seite 219 ff) von unserem Eichenthaler
Landsmann, dem Lehrer Anton Petri, entnommen,
da ich persönlich den Brauch rund um diesen
Kerweihspruch nicht mehr so gut kenne.

Gut in Erinnerung geblieben ist mir jedoch der Spruch
"un zum Stickl", das der Kerweihvater laut über die Köpfe
der Kerweihgäste hinweg rief, wonach gleich immer
eine kurze und laute Tusch-Musik unserer Blasmusik
erschallte. Diese kurze Einlage habe ich komischerweise
heute immer noch im Ohr, sobald ich an die
Eichenthaler Kerweih zurück denke ...

Was hat es mit diesem Kerweispruch denn auf sich?

 

Noch bevor das Kerweihfest am dritten Tag zu Ende ging,
wurde unter dem Kerweihbaum der Kerweihstrauß
Stück für Stück, Sträußlein für Sträußlein, vom
Kerweihvater versteigert, immer gefolgt von den
Worten "un zum Stickl" und einem musikalischen Tusch. 

Kurz davor tanzten jedoch die Kerweihpaare einen
wunderschönen Walzer und einen Polka um den
geschmückten Strauß herum, um so recht viele
Kerweihgäste anzulocken.

 Und da es um das Wohl des Kerweihvereins ging,
nahmen an der Versteigerung alle Leute teil,
denn jeder wollte oder sollte etwas zur Deckung
der Unkosten für das große Fest beitragen.

​Bei unseren Kerweihfeiern in Asbach-Bäumenheim
konnte im Ort natürlich kein Kerweihbaum der
Eichenthaler aufgestellt werden. Deshalb wurde
ersatzweise ein wunderbarer Rosmareinstrauß schön
"uffgeputzt" (geschmückt), den jedes Mal eine
Eichenthaler Familie für die Kerweih spendete.
Und dieser Kerweihstrauß wurde dann vom

Vortänzerpaar immer mitgeführt:
beim Einmarsch der Trachtenpaare in den Festsaal,
beim Festzug der Trachtenpaare, der Blasmusik
und aller Gäste durch Bäumenheim bis in die Kirche,
während der Kirchmesse, beim feierlichen Festzug
zurück in den Tanzsaal und auch zuletzt beim Tanz
aller Trachtenpaare auf der großen Tanzfläche.

 

 

Nach dem Tanz der Kerweihpaare stieg
der Kerweihvater auf ein großes Fass,
aufgestellt unter dem Kerweihbaum des Dorfes,
begrüßte zuerst alle Anwesenden und begann mit der
 "Verletzetierung". Ähnlich geschah es auch im
Festsaal von Bäumenheim, so wie hier, bei
unserem letzten ​Eichenthaler Treffen in 2010:

 


 

Der gesamte Versteigerungsfestakt wurde vom
Kerweihvater in Versform durchgezogen,
​unterbrochen nur durch lustige Zwischenrufe der
​Teilnehmer, durch feuriges Händeklatschen und
durch immer wiederkehrende kurze musikalische
Einlagen ​(dem "Tusch") der Blasmusikanten.
​Hier die Verse des Kerweivaters:

"Liewi Kerweihgäscht!
Mir heeße Eich willkommen
​zu uns'rem scheene Kerweihfescht.
​Un der wu sich mit uns unerhalle will,
der muss sich mit einreihe in unser Spiel.

Die Kerweih is a alte Brauch,
​do fillt so mancher Gascht sei Bauch.
​So manches Hingl, Gans und Schwein
wannert in die großi Rein.
​Un dazu a Ringl Worscht,
un noch a Tropa for de Dorscht
​                               "un zum Stickl"

Seht den scheene Strauß in meine Hand,
​ich men des is de schenschte im ganze Land.
Iwer unser Strauß is nix zu tadeln,
​denn er hat auch keine Nadeln.
Es is a scheener Rosmarein,
​der is net gewachs im Kellerlein,
sondern bei Sunn und Mondesschein.
​                                  "un zum Stickl"

Den versteigre wir so wie's Eich gfallt,
​un versteigre jedes Sträußl um bares Geld.
A jeder kann davun was haben;
​die Sträußle sin net nor for Fürsten un Grafen.
Die sin for die Reichi un for die Armen,
​awer Geld müsse sie haben.
Des Geld kenne mir brauche, wie jede Gulde,
​damit unser Verein net kummt in die Schulde.
​                                  "un zum Stickl"

So steigert nor fleißich un mit vollem Mut,
​Dessmol geht's ohni Tichl un ohni Hut.
Jetz greift nor alli fescht in die Tasch,
​dass jeder kummt zu sei'm Sträußl ganz rasch.
                                       "un zum Stickl" 
                                                                   (Seite 219-220 "Heimatbuch")

 

So ist die Verletzetierung munter zu Ende gegangen,
bis der gesamte Kerweistrauß versteigert war.
​Danach gingen Tanz und Unterhaltung
die ganze
Nacht bis in die frühen Morgenstunden weiter.
Es war wunderbar!

 

​Es grießt Eich alli recht herzlich,
​tes Annala,

​heut', am 25. Dezember 2016


"Buwe, was han mer heit?"
"Kerweih!!!"

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